theorie  
 

Einleitung zu 'Aggregate des Denkens'

 

VORGANG


„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht
definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt
werden muss." (Agamben 2003, 23)


Der geschriebene Text legt fest, behauptet, markiert, situiert und konstituiert,
was im Denken fließt. Denken befindet sich wie das Leben selbst in einem
unablässigen Prozess zwischen Werden und Vergehen. Von einem Augenblick
zum anderen verwehrt es sich in seiner fortdauernden Beweglichkeit
endgültigen Zu|Ordnungen. Zugleich ordnen und gliedern, definieren und
systematisieren, differenzieren und summieren wir denkbar vielfältig
Teil|Bereiche unseres Lebens. Diese Tätigkeiten werden sichtbar im
Geschriebenen.
     Am aktiven Prozess des Schreibens haben mehrere ineinander
verwobene Ebenen gleichzeitig teil. Zumeist sind mehrere Prozesse am Werk,
die eng miteinander verbunden sein können oder nebeneinander stattfinden und
sich in unterschiedliche Richtungen auswirken. Zwischen Empfinden und
Denken wie zwischen individuellen und gesellschaftlichen Faktoren spannt
sich ein fließendes Denk|Netz. Es faltet sich in einem weiten Spielraum von
Bedeutungen auf, der im Gebrauch von Sprache aktiviert wird. So ist ein
Text, bei aller Singularität, nie als losgelöst zu betrachten. Sprachliche
Ausdrücke selbst sind bereits vieldeutig und uneinheitlich. Struktur und
Gebrauch derselben gehen einher mit sprachlichen Prozessen und
Bedeutungskonstitutionen.
     Jede Artikulation ist eine Festlegung. Um Bedeutung zu
generieren, müssen wir uns positional festlegen. So kann Sinn in vielfältiger
Art und Weise ausgedrückt und artikuliert werden. Doch gesprochene sowie
geschriebene Artikulationen und deren inhärente Bedeutungen sind von einem
stetem Wandel gezeichnet, da sie als vorläufige dynamische kontextuelle
Praktiken anzusehen sind. Hier stellt sich die Frage „Wer spricht?", wenn wir
uns artikulieren. Eine vor allem |subjekt|philosophisch diskutierte Frage, die
letztendlich immer nur annähernd zu beantworten bleibt. Im Wahrnehmen und
Denken vermischen sich die eigenen Gedanken mit denen anderer, Bezüge und
Analogien stellen sich her, die in weiteren Erkenntnissen kondensieren. Die
Grenzen zwischen verschiedenen Artikulationen verwischen. So ist eine
Autorenschaft immer auch |in|direkt beeinflusst von dem, was andere gesagt,
getan oder geschrieben haben. Es bleiben unbewusste Spuren anderer (Texte)
im eigenen Geschriebenen. Demzufolge wird eine Unschärfe in diesem
Textkörper zwischen Assoziationen, Paraphrasen und eigenen Gedanken
neben allen Aufhellungsversuchen bewusst bestehen bleiben. Vermeintlich
Fassbares ist in ständigen Übergängen zu denken. Ein (scheinbares) Paradox:
Das Fließende wird fest, das Feste fließend.
     Beim Schreiben, Denken oder Sprechen handelt es sich um
verschiedene Aggregatzustände von Bedeutungskonstitutionen. In dem
vorliegenden Versuch, verschiedene Aggregatzustände gleichzeitig darzustellen,
den Denk|Prozess und die jeweilige Artikulation, das Bewegliche und das
Feste, um darüber hinaus die (notwendige) Fixierung offen zu halten für den
Prozess, müssen mehrere Artikulationsebenen parallel berücksichtigt werden.
Im konkreten Bezug auf den vorliegenden Textkörper bedeutet dies,
Artikulationen auf drei Ebenen gleichzeitig darzustellen: dem
Haupttextkörper, der verschiedene Auffassungen und Definitionsansätze in
Bezug auf bestimmte Begriffe erörtert, der parallel angeordneten
Verweisebene, die wechselseitig konzeptuelle und theoretische Hintergründe
oder künstlerische Praxis und Produktion aufzeigt, und der Bildebene, die
sowohl eigene Wortzeichnungen als auch fremdes Bildmaterial umfasst. Eine
jeweilige Festlegung bleibt auföffnend im Fluss, da wechselseitig parallel auf
sie zugegriffen werden kann.

„Gäbe man [...] die fragwürdige Anweisung [...], die Darstellung solle den
Denkprozess abbilden, so wäre dieser Prozess so wenig einer des diskursiven
Fortschreitens von Stufe zu Stufe, wie umgekehrt Einsichten vom Himmel
fallen. Erkannt wird vielmehr in einem Geflecht von Vorurteilen,
Anschauungen, Innervationen, Selbstkorrekturen, Vorausnahmen,
Übertreibungen, kurz in der dichten, fundierten, aber keineswegs an allen
Stellen transparenten Erfahrung."
(Adorno 1996, 90)

Der Raum des Denkens ist abstrahiert vorstellbar als ein dynamisches
Geflecht von Fixpunkten und ihren jeweiligen Beziehungen. Dieser ist
strukturell als offen, als eine unabgeschlossene Ordnung aufzufassen, da wir
es mit einer systemischen Verknüpfung von Festem (Fassbarem) und
Beweglichem (Flüchtigem) in einem mehrdimensionalen Netz von Einflüssen
zu tun haben.
     Auf der Ebene der Textproduktion als einem möglichen Raum des
Denkens trifft eine Vielzahl verschiedener Denkaggregate, ähnlich einer
Vielstimmigkeit, aufeinander. Kontinuierlich werden zwischen diesen
Aggregaten Verbindungen geknüpft, Fixpunkte umgeschichtet und
überschrieben; Zusammenhänge verändern sich ebenso wie sich zwischen
verschiedenen Aggregaten neue ausbilden. Dem Prinzip der Vielstimmigkeit
folgend werden zwei Formen der Verwendung von Zitaten als den
Artikulationen anderer in dieser Arbeit praktiziert: Zum einen fungieren sie als
Gedankeneinstieg gleich sinnbildlichen |Zwischen|Überschriften, die einen
assoziativen Raum öffnen bzw. den Textfluss unterbrechen, indem auf das
Zitat selbst nicht oder nur peripher, im übertragenen Sinne eingegangen wird.
Zum anderen bilden sie als wörtlich angeführte Belegstellen eigenständige
Informationsfragmente, die im Textfluss ebenso Brüche wie Übergänge
auszubilden vermögen.
     Ebenso wie in der Textproduktion sind im Raum der Darstellung
Form und Inhalt wie Sinn und Struktur nicht als voneinander getrennt zu
betrachten. Im bewussten Umgang mit einer Vielzahl von Einflussebenen
bilden sie eine offene Struktur aus. Die Nahtstellen einer offenen Struktur sind
die Zwischenräume.

„Es ist ein ständiges zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Kopfes
Denken und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Hirns
Empfinden und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Charakters
Hinundhergezogenwerden."
(Bernhard 1971, 5)

Im Hin und Her zwischen dem Einen und dem Anderen ist der
Zwischen|Raum ein Medium von Beziehungen. Als ein wechselseitiges
Geflecht verstanden, stellt es eine Schnittstelle systemischer Verschränkungen
dar.
     Konkret wird ein Zwischenraum als ein freier Raum zwischen
voneinander Verschiedenem sichtbar. Er kann als eine offene, unbesetzte
Stelle oder Lücke in einem eigentlich zusammenhängenden Ganzen
verstanden werden. Aus einem prozesshaften Verständnis heraus wird der
Zwischenraum zwischen Ereignissen, der als zeitlicher Abstand zwischen zwei
Vorgängen oder Tätigkeiten liegt, zum aktiv nutzbaren, offenen
Handlungs|Spielraum. Erst im Gebrauch nehmen Zwischenräume Gestalt an.
In einem Denk|Raum komplexer Verflechtungen zwischen Alltag und
Diskurs, Begriff und Vorstellung scheint der Zwischenraum als etwas Offenes
auf: Jenseits von Zuschreibungen und Vorstellungen ist dieser mehr als ein
Übergang zwischen dem Einen und dem Anderen, dem Eigenen und Fremden,
Innen und Außen |...|. Gekennzeichnet als ein dynamischer Zustand, liegt das
Offene als Potential, als ein performatives Angebot in den Zwischenräumen.
Erst aus den Zwischenräumen eines dynamischen Denk|Geflechtes heraus wird
Bedeutung situativ, kontextuell und temporär konstituiert. In diesem Sinne ist
der Zwischen|Raum ein zentrales Moment dieses Textprojektes. Aktiv um die
Verschränkung künstlerischer und akademischer Praxis bemüht, wird der
Raum zwischen denselben zu einem Ort von Überschneidungen
verschiedener Herangehensweisen und theoretischer Diskurse. Im Hinblick auf
die Aufweichung der Disziplingrenzen wird der als dynamisch und offen
charakterisierte theoretische Zwischenraum des Denkens im praktischen
Gebrauch zu einem Handlungsspielraum.

„Wenn die Kunst des Sprechens selber eine Handlungskunst (l´art de faire) und
eine Kunst des Denkens ist, dann kann sie gleichzeitig Praxis und Theorie
sein."
(Certeau 1988, 155f.)

Die im Folgenden verhandelten Begrifflichkeiten stehen exemplarisch für eine
Vielzahl von Begriffen, denen ich im Vorfeld dieser Arbeit begegnet bin. In
Auseinandersetzung mit künstlerischer Praxis zwischen Werk und Produktion
sowie verschiedenen Diskursfeldern unterschiedlicher theoretischer
Disziplinen, die zum einen Kunst reflexiv analysieren und interpretieren und
aus denen sich zum anderen künstlerische Praxis nährt sowie sie sich auf diese
bezieht, gerieten gewisse Begrifflichkeiten in den Fokus meiner
Aufmerksamkeit. Die hier exemplarisch ausgewählten Begriffe sind aktuell
sowohl für die künstlerische Praxis als auch in einer Vielzahl von
theoretischen Diskursen relevant. Mit Blick auf die Historie kann man darüber
hinaus von einer gewissen Permanenz dieser Begrifflichkeiten ausgehen.
Begrifflichkeiten werden in künstlerischer Praxis sowie in
theoretischen Diskursen mit differierenden Bedeutungen angefüllt,
unterschiedlich definiert und gebraucht. Die Befragung derselben ist nicht
endgültig abschließbar, da die Bedeutung mit dem jeweiligen kontextuellen
Gebrauch variiert. Denn so wie die Artikulation eines Begriffes in Rede und
Text aus einem kontextuellen Prozess hervorgeht, ist umgekehrt der Kontext
die Bedingung der Möglichkeit des Entstehens von Verbindungen, die einen
Begriff markieren.
     Begriffe bilden ein System von Bedeutungen aus. Im allgemeinen
Sprachgebrauch und innerhalb philosophischer Tradition werden sie definiert
als die von den Sprechern einer Sprache aus der Bedeutung herausgebildete
Vorstellung von Dingen: Eine Abstraktion, die das Wesentliche einfassend
enthält, im Gegensatz zur empirischen Anschauung, die Konkretes
(Einzeldinge) zum Gegenstand hat. Als geistige Konstruktionen sind
Begriffe nie als losgelöst zu betrachten, sie sind strukturell eingebettet in
Sprachsysteme, die wiederum in individuellen und gesellschaftlichen
Bedeutungsräumen kulturell verankert sind. Die jeweilige Bedeutung eines
Begriffs ist interkontextuell zu definieren. In gedanklicher Reflexionsarbeit
zwischen Deutung und Bedeutung lässt sich dies, wie die Wissensproduktion
selbst, als performativer Vermischungsprozess begreifen: Verschiedene
Fragestellungen, Themenstränge und Arbeitsweisen überlagern und
durchdringen sich (ein wechselseitiges Bedingen) in der Text|Produktion.
Diese ist nicht zweidimensional, sondern körperhaft, räumlich zu denken.
     Derart wird hier ein Beziehungsgeflecht (Netzwerk) von
Sinneinheiten in mehreren Ebenen entstehen. Dieses Geflecht von Bezügen
setzt sich aus Textelementen, Wissensfragmenten, Zitaten und
Wortzeichnungen zusammen. Es wird notwendigerweise fragmentarisch
bleiben.

     Im Versuch, den Prozess einer nicht endenden Denkbewegung zu
versinnbildlichen, werden strukturell bewusst Lücken und Brüche im
Text|Körper situiert. Da der Prozess des Denkens selbst nicht linear abbildbar
ist, werden Sinneinheiten (Textbausteine) nichtlinear verknüpft. Diese
Vorgehensweise wird auch auf gestalterischer Ebene praktiziert, indem
bestimmte Worte im gesamten Textkörper, auch innerhalb der Zitate, von mir
fett hervorgehobenen werden. Diese Wortmarkierungen greifen zum einen das
wahrnehmungsleitende Potential von Hervorhebungen auf, welches gemeinhin
in Texten auf inhaltliche Kerne fokussierend verweist, zum anderen wird
darüber hinaus mittels einer Vielzahl von Hervorhebungen ein imaginäres
Wortnetz suggeriert, um sinnbildlich die weiträumigen, subjektiv assoziativen
Verknüpfungsmöglichkeiten, die Worte zueinander in Beziehung setzen
können, abzubilden. Nichtlineares steht darin einem Nacheinander, also dem
Linearen im Wahrnehmen nicht entgegen, vielmehr bedeutet es, dass wir erst
in einem wechselwirkenden Geflecht von Bezügen Bedeutung konstruieren.
Denken selbst ist permanent von Dissonanzen, Lücken, Brüchen,
Vervielfältigungen und Paradoxa geprägt. Schreiben ist ebenso nicht einfach
nur ein linearer Prozess, sondern vielmehr vorstellbar wie das Lesen als ein
permanentes Schaukeln und Schwanken um eine Linie. Durch Assoziationen,
Abweichungen, Flüchtigkeiten, winzige Unterbrechungen, Wiederholungen,
Denkpausen, Rück- und Vorausblicke wird die Linie perforiert. Aus bewegter
Verflechtung entspringt ein Umgang. Die Kraft des Ereignens widersetzt sich
der Schrift.


 

 

 

darüber hinaus

„Es ist eine gängige Vorstellung unserer Zeit, die Frage der Kultur im Bereich
des ‚darüber Hinausgehenden’ (beyond) zu verorten. [...] Dieses ‚Darüber
Hinaus’ ist weder ein neuer Horizont noch ein Zurücklassen der Vergangenheit.
[...] Anfänge und Enden sind wohl tragende Mythen der mittleren Jahre; doch
im ‚fin de siècle’ befinden wir uns im Moment des Übergangs, wo Raum und
Zeit sich kreuzen und komplexe Konfigurationen von Differenz und Identität,
von Vergangenheit und Gegenwart, Innen und Außen, Einbeziehung und
Ausgrenzung erzeugen. Denn im ‚darüber hinausgehenden’ Bereich herrscht ein
Gefühl von Desorientierung, eine Störung des Richtungssinns: eine
erkundende, rastlose Bewegung, die im französischen Verständnis der Wörter
‚au-delà’ so gut zum Ausdruck kommt – hier und da, überall, fort/da, hin und
her, vor und zurück. [...] Im Bereich des darüber Hinausgehenden zu sein heißt
also, wie uns jedes Wörterbuch sagen wird, einen Zwischenraum zu
bewohnen. Aber ‚im darüber Hinaus’ zu wohnen heißt auch, [...] an einer re-
visionären Zeit teilzuhaben, an einer Rückkehr zur Gegenwart, um unsere
kulturelle Gleichzeitigkeit neu zu beschreiben; um unsere menschliche,
geschichtliche Gemeinsamkeit neu einzuschreiben; die Zukunft auf der uns
zugewandten Seite zu berühren. In diesem Sinne wird also der Zwischenraum
des 'Darüber Hinaus' zu einem Raum der Intervention im Hier und Jetzt."

(Bhabha 2000, 1ff.)